Liebt euch mit Gummi!

Liebt euch mit Gummi!
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Viele haben es schon erlebt. Dieses ernüchternde Gefühl, wenn man in einem fremden Bett aufwacht und realisiert, dass man einen Fehler gemacht hat. So erging es auch Selina, als sie sich vor einigen Monaten ins Wiener Nachtleben stürzte. Angetrunken bewegten sich ihre Beine zum Rhythmus der Musik. So tanzte es sich leichter. Und mit jedem Schluck verlor sie die Hemmung, ihr Schamgefühl und die bittere Realität, die einsetzte, als sie am nächsten Morgen in einem fremden Bett aufwachte. Sie kannte seinen Namen und er ihren. Mehr mussten sie nicht wissen, um miteinander zu schlafen.

„Es war ein ganz normaler One-Night-Stand“, erklärte sie mir am Telefon. „Nichts Aufregendes!“

„Wie nichts Aufregendes?“, fragte ich irritiert nach.

„Na ja, wir haben nur kurz miteinander gevögelt. Wir haben aufgehört, als er mich fragte, ob ich verhüte. Du weißt doch, dass ich die Pille nicht mehr nehme. Wir hatten beide keinen Orgasmus, das ist doch auch mal was Neues“, sagte sie lachend.

„Was Neues wäre es auch, wenn du mir in einer Woche erzählst, dass du Chlamydien hast.“

„Ach komm, von einmal kurz reinstecken werde ich nicht gleich Chlamydien bekommen“, sagte sie leichtsinnig. „Was willst du machen, wenn du kein Kondom zur Hand hast?“

Ich verdrehte meine Augen, obwohl ich das von mir selbst kannte. Jeder kennt das. Man landet bei einem von beiden in der Wohnung, schließt die Tür, küsst sich, genießt jede Berührung und das Verlangen erreicht einen Punkt, an dem man an nichts anderes mehr denkt, als an Sex. Und natürlich an die Gründe, die dafür sprechen auf ein Kondom zu verzichten: „Du nimmst doch die Pille!“, „Ich habe keine Kondome da!“, „Ich pass auf, dass nichts passiert!“, „Vertrau mir, ich bin clean!“, „Ich habe eine Latex-Allergie!“, „Ich bekomme so keinen hoch!“ oder „Ich spüre dann nichts!“.

Das Gehirn ist out of order. Absolut funktionsunfähig, um über mögliche Konsequenzen nachzudenken. So wie Selina.

„Wie wäre es, wenn du auf den One-Night-Stand ohne Orgasmus verzichtest, wenn du kein Kondom hast?“, fragte ich sie. „Bei keinem steht auf der Stirn geschrieben: „Ich habe Syphilis, Chlamydien oder HIV!“. Glaubst du, dass du die einzige bist mit der er beim ersten Mal ohne Gummi vögelt?“

„Na sicher nicht. Männer ficken doch alles, was bei Drei nicht auf dem Baum ist.“

„Eben“, sagte ich. „Und da genau du bei Drei auf seinem Stamm sitzt, wäre es sicher nicht verkehrt, wenn du mal einen Test machst.“

Selina musste anfangen aufzuwachen.

„Sehr komisch. Willst du mir jetzt weiß machen, dass du schon einen gemacht hast?“

„Nicht nur einen“, musste ich zugeben.

Und ich erinnerte mich an jeden einzelnen. An die Zeit des Wartens und die Erleichterung danach. Wenn ich, wie Selina, in einem fremden Bett aufwachte und feststellte, dass ich während meines Alkoholrausches meinen Verstand verloren und mit einem eigentlich Fremden Sex ohne Kondom hatte, dann packte mich die Panik am nächsten Morgen. Sie hielt drei Monate an, bis zu dem Tag an dem ich den Test machen konnte. Es ist ein beängstigendes Gefühl ins Labor zu gehen. Man steht in der Warteschlange, in der Hoffnung, dass sich keiner hinter einem anstellt. Niemand soll wissen, was man hier tut. Es wäre unangenehm. Genauso wie die nächsten vierundzwanzig Stunden bis zum Ergebnis. Die Zeit, in der man die Angst nicht mehr wegschieben kann. Sie ist einfach da, ob man will oder nicht. Und genau da liegt das Problem. Die Angst vor dem Ergebnis und den möglichen Konsequenzen bringt uns dazu erst gar keinen Test machen zu wollen.

„Vielleicht sollte ich wirklich einmal einen Test machen“, sagte Selina. „Ich habe bisher immer nur verhütet, um nicht schwanger zu werden.“

Ich lachte.

„Das scheint ein weit verbreitetes Phänomen zu sein: Schwangerschaft unerwünscht, aber Krankheiten sind herzlich willkommen.“, sagte ich. „Genauso wie man nach einigen Malen Sex mit derselben Person, ob Partner oder nicht, auf ein Kondom verzichtet.“

„Na jetzt übertreibst du aber. Du kannst doch nicht von jemanden, den du kennst einen Test verlangen.“

„Ach kann ich nicht?“, fragte ich ironisch.

Ich konnte. Doch so wie Selina reagierten auch die Männer. Als würde ich ihnen unterstellen wollen ansteckende Geschlechtskrankheiten zu haben, weil sie mit jeder x-Beliebigen vögelten. Manch einer tat das wahrscheinlich auch.

„Ich kann mir beim ersten Mal nicht sicher sein, wie oft jemand ohne Gummi bereits gevögelt hat“, sagte ich. „Also wie kann ich mir beim dritten oder zehnten Mal sicher sein, dass er nichts hat?“

„Stimmt“, gab Selina zu. „Eigentlich spielt es keine Rolle, wie gut du jemanden kennst. Dann bekommst du es halt beim zwanzigsten Mal und die neunzehn Mal mit Gummi haben dir auch nichts gebracht.“

Und genauso ist es. Wir vertrauen darauf, dass der Andere gesund ist, verdrängen die Angst vor ansteckenden Krankheiten und glauben, dass es uns nicht treffen wird, weil wir aufpassen. Doch nicht ohne Grund steigt die Anzahl der gemeldeten Geschlechtskrankheiten laut dem Robert-Koch-Institut in Deutschland von Jahr zu Jahr an.

Und auch vier Wochen später musste sich Selina mit den Ergebnissen der ersten Tests auseinandersetzen. Sie hatte Chlamydien, eine bakterielle Infektion die durch ungeschützten Anal-, Oral-und Geschlechtsverkehr übertragen wird und die unbehandelt zur Unfruchtbarkeit führen kann. „Wenigstens bist du nicht wie Al Capone an Syphilis gestorben“, sagte ich.

„Therese sei Dank“, sagte sie. „Ich kaufe mir eine XXL-Packung Gummis, damit ich weder schwanger, geschweige denn krank werde.“

Selina ist nur eine von vielen, die sich nicht über die Risiken und möglichen Konsequenzen bewusst sind, wie ich feststellen musste. Ich habe Männer gefragt, ob sie beim ersten Mal Sex mit einer Frau immer ein Kondom benutzt haben. Mehr als 70% der befragten Männer gaben an, dass sie nicht immer mit Kondom verhütet haben und das Risiko eingegangen sind sich mit Geschlechtskrankheiten anzustecken. Ich war froh, dass sich Selinas Ansicht geändert hat. Wir sollten alle unser Bewusstsein schärfen, denn die schönste Sache der Welt kann auch mit Kondom Spaß machen.

 

Habt Ihr immer beim ersten Mal mit Kondom verhütet?

 

 

THERESE ist Gründerin der Agentur „Die Treuetester“, Treue- und Beziehungs-Expertin und selbst treu. Therese schreibt Artikel für WUNDERWEIB, beantwortet gerne Frag Therese-Fragen und redet niemals um den heißen Brei. Ihr Motto lautet: „Die schönste Sache der Welt sollte man einfach mit jedem teilen“. Sie selbst teilt klassisch monogam, also gar nicht.

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