Trennt euch endlich!

Trennt euch endlich!
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Ich stelle mir immer öfter die Frage, wieso einige Paare an ihren Beziehungen festhalten. Es ist so, als würden sie nicht realisieren, dass da einfach nichts mehr ist. Jeder sieht es, nur sie nicht. Sie laufen Jahr für Jahr weiter nebeneinander her, so als würde es den letzten Funken Hoffnung geben. Doch der ist schon lange verflogen. Das was auf sie wartet ist eine immer größere Scheiße, aus der sie sich irgendwann nur schwerfällig befreien können. So dachte ich auch über die Beziehung von Julia.

Wir waren verabredet, weil wir uns schon einige Wochen nicht gesehen hatten. Julia war wieder einmal vor mir da und trank schon ihren ersten Rotwein. Ich freute mich sie endlich wieder zu sehen und Julia schien bester Laune. Sie wirkte glücklich, denn sie strahlte über beide Ohren. So kannte ich sie nicht.

„Wie geht’s dir? Was gibt es neues?“, fragte ich sie.

„Ja hervorragend und dir?“, dabei grinste sie mich an.

„Hervorragend?“, fragte ich. „Das ist ja was ganz Neues. Also nochmal: Wie geht’s dir?“

„Christian und ich haben uns getrennt!“, sagte sie, wie aus der Kanone geschossen.

Ich wusste nicht, ob ich richtig gehört hatte und fragte vorsichtshalber noch einmal nach.

„Ihr habt euch getrennt?“

„Ja! Einvernehmlich, wenn man das so nennen kann.“

Ich wusste damals schon, dass es irgendwann dazu kommen würde. Es war nur eine Frage der Zeit, doch dass die jetzt schon gekommen war, überraschte auch mich. Ich war der festen Überzeugung, dass sie ihre Beziehung weiter wie einen Kaugummi vor sich hinziehen würden, denn dafür sprach einiges.

Julia und Christian waren seit zwanzig Jahren liiert, davon sechzehn Jahre verheiratet. Und ihre gemeinsame Tochter Leonie war in der Blütezeit der Pubertät angekommen. Julia und Christian lebten die meiste Zeit räumlich voneinander getrennt. Zwischen ihnen lagen an manchen Tagen tausend Kilometer. Je nachdem, wo sich Christian auf seinen Geschäftsreisen gerade aufhielt. Und Julia ging arbeiten, schmiss den Haushalt und kümmerte sich um ihre pubertierende Tochter, die dringend einen Vater gebraucht hätte. Doch der musste hart arbeiten, um das alte Modell der Rollenverteilung aufrecht zu erhalten. Und wenn er einmal zu Hause war, verlangte er von seiner Frau, Frau zu sein. Willig. Doch Julia wollte keinen Sex auf Knopfdruck.

Eine Zerreißprobe für Christian. Er war ein Aufreißer-Typ wie aus dem Bilderbuch. Ich war mir sicher, dass er im Stande war jede Frau anzuquatschen, um sie ins Bett zu kriegen. Er suchte förmlich nach ausgehungerten Frauen, die zu seiner Zielscheibe werden sollten. Jeder sah es, nur Julia nicht. Sie hätte sich niemals vorstellen können, dass Christian fremdgeht. Was angesichts der Tatsache, dass sie immer seltener Sex hatten, pure Ironie sein musste. Mit ihrer Illusion von einer perfekten Familie versuchte Julia künstlich etwas am Leben zu halten, was ohnehin schon nicht mehr existierte. Das alles wegen ihrer Tochter.

Immer wieder sagte sie mir, dass sie lieber unglücklich ist, als das ihre Tochter ein Scheidungskind ist. Immer wieder fragte sie mich um Rat und in Wahrheit predigte ich ihr jedes Mal dasselbe: Es würde sich nichts an der Beziehung zwischen ihr und Christian ändern, wenn sie sich trennen würden, außer der Beziehungsstatus. Sie hielten ihre Beziehung nur wegen ihrer Tochter und nicht aus Liebe aufrecht. Christian sah Leonie ohnehin unregelmäßig. Ich konnte Julias Einstellung, lieber in einer unglücklichen Beziehung zu leben, nicht nachvollziehen. Für mich klang es naiv, zu glauben, dass es für sein Kind besser sei, unglückliche Eltern zu haben. Schließlich führte ihre eigene Unzufriedenheit dazu, dass sie immer häufiger stritten und das, obwohl sie sich nicht oft sahen. Ihre Tochter hörte jeden Streit und sie spürte, dass ihre Eltern nicht glücklich sind. Sie war genervt davon und hätte sich gewünscht, dass sie sich endlich trennen. In Wahrheit verstand sie mehr als ihre Eltern, die sie offenbar für blöd hielten.

„Wieso habt ihr euch jetzt plötzlich getrennt?“, fragte ich. „Wolltest du es nicht für Leonie so weiterführen?“

„Eigentlich schon“, sagte Julia. „Doch ihr hattet einfach Recht.“

„Ihr?“, fragte ich.

„Du und Leonie“, sagte sie. „Ihr habt mir die Augen geöffnet.“

Leonie hielt ihrer Mutter dieselbe Predigt, wie ich es tat, damit sie endlich verstand, dass das zwischen ihr und Christian keinen Sinn mehr hatte. Zu oft fand sie ihre Mutter weinend auf der Toilette vor. Sie weinte aus Verzweiflung. Immer und immer wieder.
Julia erzählte mir, dass es Leonies Wunsch war, dass ihre Eltern zusammenblieben. Doch die heile Welt war keine Realität. Es war nur ein Wunsch, bei dem am Ende alle unglücklich waren. Leonie begriff, dass ihre Eltern sich nichts mehr zu sagen hatten. Sie lebten ihr zuliebe nebeneinander her.

„Leonie sagte mir, dass wir nicht darauf warten sollen, bis sie aus dem Haus ist“, sagte Julia. „Das würde an der Tatsache nichts ändern, außer dass wir unsere Zeit verschwenden.“

„Das hättest du deiner Tochter nicht zugetraut, oder?“, fragte ich nach.

„Naja“, sagte sie. „Als Mama willst du immer nur das Beste für dein Kind und dabei vergisst man oft, was eigentlich das Beste wäre.“

Damit hatte sie Recht. Man will seine Kinder nicht enttäuschen oder verletzen. Doch sitzt die Enttäuschung nicht viel tiefer, wenn trotz bröckelnder Fassade der heilige Schein der Familie bewahrt wird? Wenn man aufgrund des Hauses, finanzieller Abhängigkeiten oder der Kinder zusammenbleibt? Wenn man weitermacht, obwohl man sich nicht mehr liebt? Es scheint so richtig, obwohl es sich falsch anfühlt.

 

 

THERESE ist Gründerin der Agentur „Die Treuetester“, Treue- und Beziehungs-Expertin und selbst treu. Therese schreibt Artikel für WUNDERWEIB, beantwortet gerne Frag Therese-Fragen und redet niemals um den heißen Brei. Ihr Motto lautet: „Die schönste Sache der Welt sollte man einfach mit jedem teilen“. Sie selbst teilt klassisch monogam, also gar nicht.

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