Wenn nicht mit dem Partner, mit wem dann?

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Vor ungefähr einem Jahr war ich mit Sarah zum „Afterwork-Drink“ verabredet. Während ich ungeduldig wartete und an meinem Weißwein nippte, klingelte auch schon mein Handy. Es war Sarah. Sie kam mal wieder zu spät. Eine halbe Stunde. Und wie immer fiel ihr das erst ein, nachdem sie schon längst hätte da sein sollen.

Mir blieb also nichts anderes übrig, als anderen beim Small-Talk zuzuhören. Fashion, Lifestyle, Arbeit-damit ließ sich der Gesprächsstoff um mich herum zusammenfassen. Doch plötzlich weckte das Gespräch am Nebentisch mein Interesse: „Sie hat sich letztens so ein Lack-Kostüm angezogen. Das war ziemlich geil!“.

„Aha“, dachte ich und schmunzelte. Ich blickte nach links, um zu sehen, wer voller Begeisterung über Lack-Kostüme beim Essen plauderte. Sein Name war Markus, wie ich nach nur zehn Minuten wusste. Und Markus redete mit seinem Freund ganz ausgelassen über das Thema Sex. Ohne Scham, ohne Kichern und ohne um den heißen Brei zu reden. Sie brachten beide auf den Punkt, was sie wollten. Ich beneidete sie darum, denn mir fiel kein einziges Gespräch mit einer Freundin ein, das dem auch nur ansatzweise ähnelte. Das Gegenteil war der Fall.

Ich musste an einen Moment denken, der noch gar nicht so lange her war. Ich war mit einer guten Freundin unterwegs und musste noch ein paar Besorgungen erledigen. Während wir vor dem Regal standen und ich überlegte, welcher Nagellack zu meinem neuen Kleid passen könnte, fragte sie mich: „Ist es für dich schön, wenn man an deinem Kuchen leckt?“.

Dabei kicherte sie wie ein Meerschweinchen und lief hochrot an.

„Bitte was?“, fragte ich.

Ich lachte lauthals los, obwohl ich im ersten Moment nicht wusste, worüber sie überhaupt sprach. „Na ja, du weißt schon, wenn ein Mann an deinem Kuchen leckt“,sagte sie ganz leise. „Findest du das denn schön?“

Die Scham stand ihr ins Gesicht geschrieben und mit meinem Gelächter zog ich die ganze Aufmerksamkeit auf uns und brachte lautstark auf den Punkt, was sie wissen wollte: „Du meinst, ob ich es geil finde, wenn ein Mann meine Muschi leckt?“

„Pssst“, sagte sie und hielt sich den Finger vor den Mund. „Dich kann ja jeder hören.“

Natürlich wollte sie nicht, dass jeder hören konnte, wie sie über Sex sprach. Es war ihre eigene Art von Sex-Talk, bei der sie versuchte, Worte wie geil und Muschi zu verniedlichen, als würde man einem Pubertierenden anhand von Blumen und Bienchen erklären, wie das mit dem Sex funktioniert.

Irgendwie lagen Welten zwischen dem Gespräch von Markus und seinem Freund und mir und meinen Freundinnen.

Sarah unterbrach meine Gedanken. Abgehetzt kam sie auf mich zu und gab mir einen Kuss links und rechts.

„Ich muss erstmal was trinken“, sagte sie seufzend. Ich stellte fest, dass sie hinreißend aussah, während sie sich einen Aperol-Spritzer bestellte. Sie strahlte etwas Elegantes und Unnahbares aus, was allerdings auch dazu führte, dass sie immer etwas steif wirkte.

„Wie geht es dir denn?“, fragte ich.

„Naja, was soll ich sagen? Ich glaube, dass Chris pervers ist“, platze es prompt aus ihr heraus.

Chris ist seit fünf Jahren Sarahs Freund und er erweckte nie den Anschein ein Perverser zu sein, vor dem man sich in Acht nehmen sollte.

„Wieso das denn?“, fragte ich verwundert nach.

„Wir haben vor ein paar Tagen zwei Flaschen Wein getrunken und er war so betrunken, das er mir seine Fantasien mitteilten musste.“

„Und?“

„Auf die hätte ich gerne verzichtet“, sagte sie und nahm einen großen Schluck Aperol.

Stille machte sich breit.

„Er will Rollenspiele.“

Na dann kann er sich gleich zu Marcus gesellen, dachte ich.

Sarah starrte runter auf den Tisch und ich sah nichts weiter als Scham in ihrem Gesicht.

Doch plötzlich platzte es aus ihr heraus: „Er ist ein perverses Schwein! Wie kommt er überhaupt auf die Idee mir sowas zu sagen?“

Ich biss mir auf die Unterlippe, um mir das Lachen zu verkneifen.

„Hast du ihm das so gesagt?“, fragte ich entsetzt.

„Na was glaubst du denn?!“, sagte sie.

„Das du falsch liegst und dein Freund nicht pervers ist.“

Die Hoffnung, dass ich mich ihrer „Mein Freund ist ein perverses Schwein“-Parole anhänge, zerbrach. Ich wusste, dass ich etwas sagte, was sie nicht hören wollte. Doch das war mir egal.

Sarah sah mich fassungslos an. Ich spürte, dass sie sich eine Erklärung erhoffte. Doch in Wirklichkeit verlangte es ihr eiskalter Blick.

„Wie wichtig ist dir Ehrlichkeit in einer Beziehung?“, fragte ich fordernd.

„Sehr wichtig“, sagte Sarah. „Ohne Ehrlichkeit gibt es kein Vertrauen.“

„Und wie wichtig ist dir Treue?“, fragte ich weiter, obwohl ich die Antwort bereits erahnen konnte.

„Genauso wichtig“, sagte sie. „Ohne Treue kann es keine Ehrlichkeit geben.“

Laut Sarah war die Formel einer glücklichen Beziehung: Ohne Treue keine Ehrlichkeit und ohne Ehrlichkeit kein Vertrauen.

„Na ja“, sagte ich vorsichtig „wenn dir Ehrlichkeit in einer Beziehung wichtig ist, dann solltest du seine Ehrlichkeit auch schätzen. Du kannst dir nicht aussuchen, wann, wie und wo sie dir gerade passt. Und außerdem kannst du froh sein, dass er so offen mit dir über das Thema spricht. Denn wenn nicht mit dir, mit wem dann?

Sarah schwieg.

„Weißt du, ich höre so oft von anderen Frauen, dass ihre Partner heimlich Pornos schauen, um ihre Fantasien auszuleben. Sie trauen sich einfach nicht mit ihren Partnerinnen darüber zu sprechen. Und weißt du wieso?“, fragte ich sie und ließ keine Antwort zu. „Weil sie Angst vor einer solchen Reaktion haben. Angst davor, als perverses Schwein abgestempelt zu werden, nur weil sie etwas Neues ausprobieren wollen.“

„Oh Mann“, sagte Sarah und schlug die Hände über den Kopf zusammen. „Wenn du das so sagst, dann wird mir klar, dass ich vollkommen überreagiert habe. Ich meine, ich habe meinen eigenen Freund ein perverses Schwein genannt. Geht’s eigentlich noch?“

„Oink, Oink“, grunzte ich vor mich hin. „Willst du meine Sau werden?“

Sarah lachte lauthals drauf los und verschluckte sich an ihrem Aperol.

„Weißt du, wieso die meisten Männer fremdgehen?“, fragte ich.

„Weil sie perverse Schweine sind und etwas Neues ausprobieren wollen?“, fragte Sarah scherzhaft.

„Genau“, sagte ich. „Ohne Vertrauen keine Ehrlichkeit und ohne Ehrlichkeit keine Treue.“

Sarah verstand, was ich ihr damit sagen wollte.

Wir erwarten Vertrauen. Wir erwarten Ehrlichkeit. Wir erwarten Treue. Sollten wir dann nicht auch in der Lage sein, es zu schätzen, wenn es uns entgegengebracht wird? Wenn wir es tun können. Ich meine Sex. Wieso können wir dann nicht darüber reden? Wenn nicht mit dem Partner, unserem engsten Vertrauten, mit wem dann?

 

 

THERESE ist Gründerin der Agentur „Die Treuetester“, Treue- und Beziehungs-Expertin und selbst treu. Therese schreibt Artikel für WUNDERWEIB, beantwortet gerne Frag Therese-Fragen und redet niemals um den heißen Brei. Ihr Motto lautet: „Die schönste Sache der Welt sollte man einfach mit jedem teilen“. Sie selbst teilt klassisch monogam, also gar nicht.

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